„Es ist so. Du bist, wer du bist“, sagte die muskulöse Frau mir gegenüber. Marsala hieß sie. Tätowiert, attraktiv, mit einer Ethnoklammer um den Oberarm, einem dünnen Silberband, das wie eine Schlange aussah, oder wie eine Ranke vielleicht. War populär, so Zeug, als ich noch in Berlin lebte. Ich fragte mich kurz, seit wann sie in Haven ist. „Das ist sicher. So sicher, wie deine bleiche Freundin keine Roma ist.“
Der Kommentar erntete Gelächter in der Runde. Ich zuckte mit den Schultern. Das wusste jeder. Keine Ahnung aber, warum die jetzt darauf rumritt. „Lass Maria aus dem Spiel“, sagte ich. Die anderen verstummten. Marsala sah mich direkt an. Sie saß vor uns auf einer Kiste, wir im ungezähmten Halbrund drumherum. Kam mir ein bisschen wie eine Bühne vor, aber eine offene Bühne. Sollten Verschwörers nicht am runden Tisch sitzen?
„Identität ist verdammte Realität“, sagte Marsala. „Real. Wir können nicht einfach sein, wer wir sein wollen. Wenn Haven überleben will, müssen wir das lernen. Lernen. Capisch, Benny?“
Ich hörte ihr noch zu. Ebenso wie Katrin und Yassim und die anderen. Irgendwie mochte ich sie. Klar. Hart. Sagte, was Sache ist. Und ja, es stand nicht so gut um Haven. Der Winter kam. Aber ihr Text zu Maria, tja. Maria erzählte Leuten, die es hören wollten, ihre Großmutter sei Romni gewesen. Irgendsowas. Und sie hatte ehrenamtlich für einen Roma-Kulturverein gearbeitet. Wobei sie fand, dass die Managerinnen sie benutzt hatten. Sie wollte hier auch einen gründen, Förderstrukturen haben und so. Schräg, viele wollten das. Dabei war Maria eben Biodeutsch. Bleich und so. Eine echte Seele, und gut zu mir. Aber eben Bio. War mir egal.
„Sie sieht nicht mal so aus“, hatte Marsala gesagt, über Maria. Das war bei unserer ersten Begegnung, Maria war schon wieder weg, klar. Ich hatte gefragt, wie Roma denn aussähen. Die Antwort kam prompt: „Nicht wie Maria.“ Aber zurück zur Gegenwart.
„OK, ihr hört noch zu. Gut“, sagte Marsala, verlagerte ein wenig ihr Gewicht auf ihrer Kiste, wirkte irgendwie wie eine Sumo-Ringerin. Nein. Eigentlich sah sie angespannt aus, wie ein gejagtes Tier, das sich seiner Überlegenheit schmerzlich bewusst war, aber dennoch Hilfe brauchte. Sie sah mir direkt in den Blick, sagte: „Es bringt nichts, zu denken, wir könnten hier Anarchie umsetzen, wenn wir uns kaum ernähren können. Oder Anarchodemokratie. Schöne Idee, aber klappt nicht. Dass wir alle Besties sind, alle das Gute verstehen. Nein. Der Winter kommt. Unsere Vorräte sind gering. Was machen wir?“
„Wir teilen, was wir haben“, sagte Katrin.
Yassim nickte.
„Du tust das. Wir tun das. Aber tun das alle? Viel wichtiger: Reicht es für alle? Hm?“
Sie blickte in die Runde. Ich sah ein paar Leute unter ihrem Blick schmelzen, es waren vielleicht 20 da. 20 mit Einfluss, Leute aus der Sicherungstruppe. Ich zuckte wieder mit den Schultern. Aber sie hatte recht.
Vor drei Wochen hatten wir fast eine Tonne Kartoffeln verloren, eine Hilfslieferung, die durch die Blockade gekommen war. Nicht wegen Kapitalismus oder Faschismus oder Militär oder so, sondern weil nicht klar war, wer für die Belüftung des Lagerhauses verantwortlich war. Es hatte dazu dann drei Arbeitsgruppen gegeben, zwei Abstimmungen. Als die Zweite durch war, waren die Kartoffeln auch durch. Das war ziemlich Haven. „Beim alten Fritz wäre das nu nich passiert“, sagten die „Berliner“ damals, was ziemlich sicher auch stimmte. Die „Berliner“ sind eine seltsame Fraktion hier in Haven, konservativ, aber vernünftig. Maria war auch so eine Berlinerin. Die standen alle auf dieses Förderzeug und Geldverteilen und Röllchen einnehmen. War ja vielleicht auch richtig. Aber: „An den Weihnachtsmann glauben bringt nix“, das hatte ich mehr als einmal zu Maria gesagt, wenn sie von Förderung für ihre Kultur und andere und all dem Zeug aus D-Land geredet hat, und dass das auch in Haven so sein sollte. Eigentlich, weil ich sie aufziehen wollte, mit ihrem Tick.
„Also: Wenn wir frei sein wollen, brauchen wir eine Regierung. Nennt es ein System, wenn ihr wollt. Strukturen“, sagte Marsala, und die Gegenwart hatte mich wieder.
„Aber das haben wir doch alles! Wir haben die Versammlung und die Abstimmungen und …“, sagte Yassim.
„Alles viel zu langsam! Und zu gefährlich. Viele Leute wollen nicht verstehen, was Sache ist, und dann stimmen sie falsch ab. Und das macht dann alle fertig. Wir müssen ja gar nicht primär uns schützen, sondern sie.“
„Vor wem?“, fragte Katrin.
„Vor falschen Entscheidungen. Vor ihren falschen Entscheidungen.“
„Sind wir dann nicht wieder beim Europasystem?“, sagte eine, die ich gar nicht kannte. „Und echt, wir haben doch Info-Terminale. Klar, nichts ist perfekt, aber Shiin hilft beim Verstehen, sammelt Feedback und …“
„Shiin ist nicht zuverlässig. Maschinen haben keinen eigenen Willen. Sie müssen Werkzeuge bleiben, dürfen nicht zu Partnern stilisiert werden. Genauso wenig wie Leute, die nicht gezeigt haben, dass sie das mit dem Leadership können. Zum Besten.“
„Das klingt jetzt aber nicht sehr anarchodemokratisch“, sagte Yassim.
„Was ist anarchodemokratisch daran, Leute verhungern zu lassen?“
Niemand sagte etwas. Marsala nickte und rieb sich die Faust, als hätte sie einen Treffer gelandet. Hatte sie vielleicht auch. Und sie setzte nach: „Leute. Ihr verwechselt Realität mit Ideologie. Wenn zwölf Leute darüber abstimmen, ob eine Brücke hält, hält sie nicht besser. Und wenn tausend Leute beschließen, dass genug Essen da ist, werden wir davon nicht satt.“
„Und du weißt, wie viel Essen da ist? Wie viel Grundsubstanz?“, fragte ich. Mir war aufgefallen, dass Katrin sich vorbeugte – bei ihr ein Zeichen der Konzentration. Die Sache war wichtig.
„Ja.“
„Woher?“
„Weil ich nachgesehen habe. Sieht nicht gut aus.“
Das saß. Es gab einige Bewegung im Publikum.
„OK“, sagte Katrin. „Nochmal langsam: Was genau schlägst du vor, und was willst du von uns?“
„Andersrum ist’s klarer. Ihr habt Einfluss. Seid sozusagen die Seele der Ordnung hier in Haven. Die Leute folgen euch. Und wenn ihr eine Regge unterstützt, wir können das gerne ein anarchodemokratisches parlamentarisches System nennen, dann können wir Haven schützen. Vor sich selbst. Weil es geil ist. Und natürlich vor dem Militär da draußen. Die wollen uns einmachen, weil es so aussieht, als würden wir nicht zusammenbrechen. Du hörst ihre Sprüche auf den Demos: ‚Unser Land ist nicht deren Land!‘ und so. Die haben Angst vor unserem Erfolg, weil, plötzlich denkt das Volk bei denen: ‚Wow, wir brauchen die Oben nicht.‘ Und die Oben denken: Aber wenn wir Partner werden, wenn die uns brauchen, dann sieht das anders aus.“
Das Publikum schwieg, ich schwieg mit. Marsala war noch nicht fertig: „Die Welt ist komplex, die kann kein Mensch durchschauen. Das ist doch keine Beleidigung. Es braucht eben Leute, die in bestimmten Bereichen besser wissen, was sie tun. Leute, die Verantwortung tragen und Ressourcen richtig verteilen. Dann kriegt auch deine Kleine ihre Förderung, was, Benny?“
„Maria ist nicht meine Kleine.“
„Dann kriegt eben Maria ihre Förderung. Und darf sich besser fühlen.“
„Wieso reitest du darauf rum“, sagte ich. Und verstand Marsala nicht. Ich hörte ihr zu. Ich war geneigt, ihr zu glauben. Sie holte tief Luft. „Meine Eltern sind hierhergekommen“, sagte sie. „Die konnten sich nicht aussuchen, wie sie gesehen wurden. Gelesen. Mein Vater konnte sich nicht vor den Spiegel stellen und sagen: Jetzt bin ich Bio-Deutscher. Nein. Aber weil er den Mist durchgestanden hat, hat er’s geschafft, mir eine bessere Chance zu geben. Diesen Adel gebe ich nicht auf, OK? Und nochmal: Identität ist Identität. Realität ist nicht nett. Sie ist aber Realität.“
„Ey, wir sind hier nicht in D-Land. Nicht mehr“, sagte einer von weiter hinten.
„Hm“, machte Yassim. „Zu deinem Text vorher. Leadership und so. Also, die einen können’s halt, die anderen nicht. Da glaube ich so nicht dran. Hat was von … von …“
„Quatsch“, sagte Marsala. „Außerdem bist du der bleichste hier.“
Yassim sah auf seine Hand.
„Stimmt.“
„Ich rede davon, dass Unterschiede existieren. Fähigkeiten existieren. Geschichte existiert. Bedürfnisse existieren. Manche können Dinge besser als andere. Manche wissen mehr. Manche haben Verantwortung gelernt. Warum ist es plötzlich böse, das zu sagen?“
Das war die Stelle, an der Katrin nickte. Marsala sah es auch.
„Wir müssen keine Bonzen werden“, sagte sie. „Wir müssen nur verhindern, dass Menschen, die etwas nicht verstehen, Entscheidungen treffen, deren Folgen sie nicht verstehen.“
„Und wenn sie das nicht wollen?“, fragte ich.
„Dann müssen wir es ihnen erklären.“
„Und wenn sie es danach immer noch nicht wollen?“
Marsala schwieg.
Nicht lange. Vielleicht zwei Sekunden. Aber zwei Sekunden können lang sein.
„Dann haben wir schlecht erklärt.“
Das war der Moment, zu dem ich aufstand. Ich sagte einfach: „Nö, ohne mich“, und drehte mich um. Ich ging. Yassim ging direkt mit. Katrin und die anderen zögerten spürbar. Aber sie kamen mir fast alle nach, auch wenn ich sie nicht gezählt habe, in den nächsten paar Minuten. Und so endete etwas, das ich in mir als den „Fast-Putsch von Haven“ bezeichnete. Ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, ich bin nicht so gut mit den Wörtern. Vielleicht saßen da nur Leute in einem Raum zusammen und haben geredet. War sogar interessant. Vielleicht beginnen Putsche immer so, bevor sie Namen bekommen.
Maria wartete draußen. Als Yassim und ich ankamen, reichte sie uns Zigaretten, keine Ahnung, wo sie die wieder herhatte. Sie schenkte uns Wein ein, fragte: „Und was war jetzt?“
Wir erzählten, während die anderen ankamen oder nach Hause gingen oder einfach in den Nachthimmel lächelten.
„Marsala sagt übrigens immer noch, du bist keine Roma“, sagte Yassim irgendwann.
Maria kicherte. „Das beruhigt mich.“
„Wieso?“
„Wenn Marsala mir irgendwann sagen kann, wer ich bin, muss ich mir Sorgen machen.“
„Aber bist du jetzt eine?“, fragte Katrin, ihre Zigarette genießend. Maria sah sie an.
„Ehrlich?“, sagte Maria.
„Ja“, sagte ich. Ich wollte es dann doch wissen.
„Na ja. Meine Oma war Romni. Aber … sie wollte damit nichts zu tun haben. Hat uns gesagt, das war schwierig. Also die Männer. Sie ist dann da weg. Sie redete nicht viel davon, redete ohnehin wenig. Wir sollten besser werden, und dann hat sie meinen Opa gefunden. Der hatte ein tolles Lächeln, war ein schöner Mann, aus Kiel. Sagte immer: ‚Ich bin kein Bio, ich bin Treibgut‘, und irgendwann kam er in den Kieler Hafen eingelaufen, und da arbeitete meine Oma. Hat Pommes verkauft, und dann war es Liebe. Ich mochte ihn. Er hat mir viel gezeigt, von der Welt, hat mich auch zum Mahnmal in Marzahn gebracht – das gab Streit mit Oma, aber er sagte, man muss sich der Welt stellen, Segel in den Wind und so. Seitdem sage ich deswegen: „Ich bin Roma. Wegen … wegen des Mahnmals. Können wir das Thema wechseln?“
Wir nickten und tranken und ich nahm Maria in den Arm. Dann überraschte sie mich wieder.
„Echt, die blöde Förderung. Brauchen wir nicht. Wir sind doch Haven. Alle in einem Boot.“
„Das sagt ausgerechnet die Roma“, sagte Yassim.
Maria warf ihm eine Erdnuss an den Kopf. Und das war dann der nächste tolle Moment an dem Tag. Zuvor hatte ich vielleicht mal gedacht, ich wäre Berliner. Oder eben so einer mit ner Immigrant Story. Oder sonstwas. Aber plötzlich war ich erstens ganz da, und zweitens im Moment Havener. Einfach so. Ich küsste Maria. Die küsste zurück.
Katrin und Yassim sagten: „Schau!“, und Katrin kniff Yassim in den Arm.