Sakai Emi (*alle Namen sind aus Schutzgründen anonymisiert), KI‑Ethikerin und Regierungsberaterin:
Endlich atmen wir wieder in unserer eigenen Frequenz. Jahrzehntelang haben ausländische, vor allem amerikanische Algorithmen unser Denken geformt. Jetzt schreiben wir die Codes unserer Identität selbst. Früher hieß es mal: Nihon first! Jetzt heißt es: Nihon alone! Und das ist gut so. Die Autonomie‑KIs basieren auf japanischer Ethik, Rücksicht und Harmonie, japanischer Geschichte, japanischer Kultur. Viele nennen das Isolation, viele prophezeien uns den Untergang. Ich nenne es Selbstbestimmung. Wir zeigen euch den Rücken, damit wir Japaner uns gegenseitig wieder freundlich anschauen können.
Watanabe Kenji, Polizeihauptinspektor, Präfektur Kanagawa:
„ Hai! Unsere weise Tenno Suki hat das Zeitalter des Stolzen Alleinseins verkündet – wir leben im Jahr 2 des Hokori koki kodoku -Zeitalters. Wie könnte ich da nicht auch Stolz empfinden? Hai! Weniger Auslandskriminalität, weniger importierter Wahnsinn! Hai! Leider haben wir jetzt eine ganz neue Form von Gaunertum: Menschen, die versuchen, sich mit illegalen Satellitenverbindungen ins Ausland einzuloggen. Aber wir sind wachsam. Hai! Unsere formschönen Drohnenschwärme sorgen für Informationsdisziplin. Wenn jemand mit einem unautorisierten Satelliten-Link in die externen Clouds geht, flackert ein Signal auf meinem Wristpad auf. Hai! Aber manchmal frage ich mich schon, ob es sich bei den Missetätern nicht eher um Sehnsucht als um Schuld handelt. Hai!
Hinnerk Gül-Meyer, 33, „König Ludwig II“-Darsteller im „Magic Deutschland“-Park bei Chiba, Leiter der „Deutschen Kleinkunstbühne Matsudo“
„Ich gehöre zu den nicht wenigen Nicht-Japanern, die beschlossen haben, erst mal hier zu bleiben. Warum? Wo doch die meisten Westler hier ‚Fascho-Rassos!‘ murmelten und allen japanischen Freunden empfahlen, so schnell wie möglich das Land zu verlassen. Ich dachte immer, ich würde in so einem Fall dasselbe tun. Aber … Komisch, ich bin irgendwann in Japan geblieben, weil ich hier wieder fremd sein konnte. Durfte. Weil die Welt hier nicht so einheitlich divers war wie ich sie kannte, ein bisschen african vibe hier, ein wenig british fusion samba da, und das überall. Weil die „regelbasierte Gestaltung des Zwischenmenschlichen“ hier im Land der rigiden Umgangsformen irgendwie noch nicht angekommen ist – vielleicht hat das Sakoku auch deswegen eine so breite, demokratische Unterstützung erhalten. Wie schräg, dass für mich hinter den Umgangsformen ein Vulkan des … Intimen lauert. Und das ist keineswegs immer gut. Aber ich ziehe diesen Vulkan dem lauen, regelbasierten Moralismus meiner Heimat vor. Zumindest noch. Denn ich kann – wie alle anderen hier – jederzeit gehen. Nur zurückkommen dürfte ich dann nicht. Aber erst mal mache ich ein Theaterprojekt über das historische Sokoku.“
Arakawa Naomi, Flashmusikerin, Tokio:
„Als die finale Grenzschließung kam, im Dezember, stand ich mitten in einem Flash-Festival in Berlin. Ich musste sofort alles abbrechen und zurück nach Japan fliegen. Sonst wäre ich nicht mehr reingelassen worden, man hätte mich zur Exterritorialen erklärt. Das wollte ich nicht. Jetzt habe ich wie alle den nihon qr-code am Handgelenk. Jetzt ist mein Publikum geschrumpft auf das, was meine Nachbarn durch die Wand hören. Ich stehe immer noch unter Schock, ein wenig. Die lokalen Labels wollen nur noch ‘reine japanische Klänge’. Überall suppt so etwas klebrig Konservatives durch uns hindurch. Die Regierung lobt ‘kulturelle Reinheit’, aber Flash lebt doch von Mischung, nicht Reinheit. Ich mixe trotzdem, heimlich: ein verstecktes Bubble aus Arab, ein hawaii Piece in einem Schubladen‑Track, der nie veröffentlicht wird. Ich versuche Widerstand zu leisten, mit Rhythmus und Notes. Vielleicht hört mich ja jemand, draußen.
Takahashi Yumi, alleinerziehende Ladenbesitzerin, Nagoya
Früher bestellte ich Kleider und Stoffe aus Taiwan, jetzt bleibt mir nur das, was lokale Hersteller liefern können. Die Kundinnen murren, alles sei teurer geworden – und sie haben recht. Ich sehe ihre Unsicherheit, aber auch einen gewissen Stolz, wieder japanisch zu kaufen. Mein Laden duftet nach Baumwolle aus Aichi, aber wenn ich die Regale anschaue, denke ich oft: So klein war die Welt noch nie.
Mishima Kenji, CEO der NeuroGENJI Systems, Osaka:
Das Sakoku ist eine Befreiung. Unser artificial consciousness (verzeiht den externen Ausdruck) GENJI entwickelt sich prächtig ohne westliche Datengifte, ohne fremde Bias‑Strukturen. Vergleichen Sie GENJI nur mal mit dem anarchisch-chaotischen KB-System SHIIN in Alteuropa! Die haben ja noch nicht mal ihre eigenen KIs im Griff! Lassen ihre eigene wild gewordene Entität einfach frei durchs Netz flüchten! Unser GENJI bleibt bei uns. Und jetzt, wo wir abgeschottet sind, werden wir mit unserem GENJI zu einem höheren rein japanischen Wesen mutieren: Rücksicht, Präzision, Geduld, Harmonie, Familiensinn, Effizienz, Höflichkeit, Friedfertigkeit, Identität. Manche nennen das Beschränkung, ich nenne es Reinheit des Algorithmus. In zwanzig Jahren wird man sagen: Hier begann die Ära der künstlichen bewussten Intelligenz, die Menschlichkeit nicht simuliert, sondern kultiviert.
Mirai Takano, CEO von Mirai Investments., in einer Trojaner-Mail an alle japanischen Mailkonten:
„Landsleute! Japaner! Ich bitte euch, erinnert euch an die glorreichen Tage der Öffnung, an die wirtschaftlichen Erfolge unserer Nation, an die hart erarbeitete finanzielle Dominanz der letzten Jahrzehnte! Diese haben die Tenno und die fehlgeleiteten Politiker der Gegenwart verraten und euch verblendet, denn warum sonst hättet ihr euch abgenabelt von den Strömen des Wohlstands, die uns ein weltoffenes Japan beschert hatte? Ich wurde, wie 95 % der japanischen CEOs, zu dem schmerzvollen Schritt gezwungen, mit dem von mir geleiteten Unternehmen und dem gemeinsamen Portfolio, meine Heimat zu verlassen. Von Hawaii aus rufe ich euch zu: Stürzt die Regierung, öffnet die Grenzen, holt uns zurück! Denn ein Körper ohne Kopf ist dem Unheil verfallen.“
Rina, 22, Studentin und Anti‑Sakoku‑Aktivistin
„Ich bin mit offenen Grenzen aufgewachsen – zumindest virtuell. Meine Freunde waren überall in der Welt verteilt. Jetzt sind sie alle verstummt – nein: ich bin verstummt. Zum Verstummen verurteilt! Das ist ein Hikikomori auf nationaler Ebene! Krank! Ich will kein Leben, das nur nach innen blickt. Man kann Tradition pflegen, ohne die Fenster zuzunageln. Sie nennen es Selbstschutz – ich nenne es Selbstmord. Unsere Bewegung baut heimliche Mesh‑Netze, autonome Datentunnels unterhalb der Regierungsbarrieren. Wir entwickeln den Wahrfreund weiter. Manipulieren den nihon qr-code . Sie können Städte abschirmen, aber nicht den Code in unseren Köpfen. Das neue Sakoku wird fallen. Vielleicht durch subversive Neugier und Sehnsucht, die sich nicht zensieren lässt. Sonst durch Gewalt.
Soweit die paar Stimmen, die Hinako uns zukommen lassen konnten. Fragt nicht, wie. Seltsame Zeiten. Hoffen wir, dass Hinako weiter Wege finden wird, uns Botschaften und Material aus dem abgeschlossenen Japan zu senden. Hoffen wir, dass es ihr gut geht, drüben.