Gute Märkte, böse Märkte
Kommt die Deglobalisierung doch? Die Politik streitet seit Jahrzehnten. Nun soll volk entscheiden, ob „wir“ nur noch mit den Einwandfreien Tauschgeschäfte machen sollen. Didimos fragt: Wie denkt ihr darüber?
Kaum ein Thema wurde in den letzten Jahrzehnten so heiß – und so wirkungslos – diskutiert wie die Deglobalisierung. Für die einen Hoffnung, für die anderen Weltuntergang. Jetzt steht wieder mal eine Abstimmung an. Das Bürgerbegehren „Ausschließlich Handel treiben mit Ländern der Moralklasse AAA“ hat vor einem halben Jahr drei Millionen Unterschriften gesammelt. Nun wird geprüft, ob dies mit bestehenden Verpflichtungen vereinbar ist. Klar ist jetzt schon, dass sich bei dem Begehren zwei verschiedene Ansätze vermengen, pikanterweise von einer Entität angestoßen, die im Grunde voll auf der Pro-Globalisierungs-Seite steht und nun vielleicht doch – unbeabsichtigt – Deglobaliserung befördert.
Einer der Multiplikatoren des Begehrens, der „Verein für moralisches Leben und gemeinnützigen Konsum“ (VMLGK), schreibt in seinem Influenceblog: „Jegliche Förderung amoralischer oder nicht ausreichend nach unseren Leitvorstellungen genormter Systeme muss unterbunden werden, damit unser Planet endlich zu dem Garten wird, der er schon immer hätte sein sollen. Wir verlangen nachdrücklich, die Transformation der Menschen mit allen friedlichen Mitteln, durch politische Verwaltung, kulturelle Kuratierung und wirtschaftliche Anreize, voranzutreiben“.
Starker Tobak. Erst kürzlich hat Sandra Said von der Universität Heidelberg darauf hingewiesen, dass die Brüsseler Institution „Integrity in Motion“ aktuell nur den Ländern Spanien, Irland, Dänemark und Deutschland die Moralklasse AAA zuspricht.
Der kritische „Dachverband der AIE (Aufgeklärte Internationale Eliten)“ schreibt zu dem Begehren: „Der VMLGK wird von einer engstirnig missionarischen Geisteshaltung angetrieben – und versteht leider nicht, wie wahrer Wandel erfolgt. Langsam, durch den leitbildhaften Erfolg derer, die sich in einer systemisch guten Welt durchsetzen können. Unsere Aufgabe ist es, diese Welt überall hin zu tragen, unsere Werte, unsere Wirtschafts- und Kulturabläufe zu exportieren. Zu globalisieren. Das Verständnis der Geschichte, des Werts kultureller Leistungen, die kapitalistischen und demokratischen Prozesse – all diese Exportschlager haben die Welt durch die Übernahme in anderen Kulturen zum Besseren verändert. Weiter so!“
All das klingt, zugegeben, vertraut. Zu vertraut. Denn die Argumentationslinie der AIE ist gut geölt. Globalisierung, so die Erzählung, ist keine Durchsetzung von Interessen, sondern ein kulturelles Angebot, ein sanftes Heranführen an „richtige“ Strukturen, Werte, Prozesse. Wer sich dabei an frühere Phasen der Weltgeschichte erinnert fühlt, an Missionen, Handelskompanien und „zivilisatorische Aufträge“, dem wird von AIE-Seite versichert: Das alles geschieht freiwillig, transparent, auf Augenhöhe.
“Die Denke der AIE ist die Denke von Elters”, sagt Influencer Peter-Piet Pamukel. “Gloablisierung ist Kolonialismus – ohne Wenn und Aber. Denn da es keine Gleichverteilung auf der Welt gibt, wird sie immer das Selbstbestimmungsrecht der Völker und Kulturen und Minderheiten unter das arrogante Selbstbestimmungsrecht einzeloner Mächtiger stellen, die die Vorstellung einer Gemeinschaftsschuld nutzen, um eigene Verantwortlichkeit abzuwehren”.
Interessant ist, dass ausgerechnet Institutionen, die bisher kaum als Globalisierungskritikerinnen aufgefallen sind, das Bürgerbegehren – Handel nur mit den Guten – unterstützen. „Globalisierung bedeutet für uns inzwischen vor allem: austauschbar zu sein“, sagt etwa eine Sprecherin des Netzwerks Region Jetzt . „Preise werden global gedrückt, Risiken lokal verteilt. Deglobalisierung klingt da nicht nach Abschottung, sondern nach Handlungsspielraum.“
Diese Perspektive wird von globalen Akteuren und europäischen Regierungsparteien gern als rückwärtsgewandt bezeichnet. Deglobalisierung, so heißt es, gefährde Wohlstand, Innovation und Frieden. Für die Linke von Unten dagegen bedeutet die Deglobalisierung “regionalen, direkten und persönlichen Einfluss auf Produktionsbedingungen, Preisgestaltungen und sowohl praktische als auch kulturelle Lebensrealitäten” – also “Selbstwirksamkeit”.
Hier dürfte es interessant sein, die Bewohner eines tatsächlich neuen Gesellschaftsmodells zu befragen – die Havener. Aktuell ist die Kommunikation über digitale Wege ja wieder möglich. 66Haven99 hat in einem Diskussionsthread gepostet: „Wir sind nicht gegen Globalisierung. Wir sind gegen das Gefühl, dass Entscheidungen immer woanders fallen. Deglobalisierung ist kein Programm, das wir beschlossen haben. Sie passiert einfach, wenn Menschen anfangen zu sagen: Das hier können wir selbst. Und das dort wollen wir nicht mehr mittragen. Moral finde ich sowieso Mau.“
Eine andere Wortmeldung meinte, moralische Klassifizierungen, wie sie die VMLGK und das Bürgerbegehren propagieren, halte man in Haven für „interessant, aber unerquicklich. Sie sagten mehr über die Bewertenden aus als über die Bewerteten. Und auch: Wenn alles, was wir tun, erst eine höhere Instanz passieren muss, damit es als gut gilt, dann ist das keine Moral, sondern Verwaltung. Wir wollten weniger Verwaltung. Nicht mehr.“
Generell wollen die Havener mit allen Handel treiben, Kontakte pflegen – dies ist allerdings kein Wunder, da der anarchodemokratische “Versuch” von offizieller kerneuropäischer Seite isoliert wird. Vielleicht speist sich folgende Havener Wortmeldung aus diesem Gefühl der Isolation: „Deglobalisierung beginnt dort, wo Menschen wieder streiten können, ohne dass jemand aus einer anderen Zeitzone entscheidet, wie viel dieser Streit wert ist“.
Vielleicht ist das der eigentliche Kern der aktuellen Debatte: weniger die Frage, ob De/Globalisierung gut oder schlecht ist, sondern wer sie mit-gestaltet – und wer ihr ausgeliefert bleibt . Die anstehende Abstimmung wird diese Fragen kaum beantworten. Aber sie zwingt dazu, sie wieder zu stellen. Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Unruhe: Nicht darin, dass sich Märkte verschieben, sondern dass Menschen beginnen, Zuständigkeiten neu zu verhandeln. Auch in Haven.
Wir bleiben dran.