ORAKEL_ 1.01.1: „Dies ist die Geschichte des Versuchs Havens, der da ist die Folge aller Rebellionen, Utopien und Fortschritte der Geschichte der Menschheit, oder dies zumindest sein möchte. Dies ist eine Geschichte des Anfangs; schön wie der Anblick einer Frühlingsblume übernimmt sie keine Schuldigkeit und erkennt keine Ansprüche an aus den Ereignissen, angezweifelt und anerkannt, schlecht und gut, die da vor Haven kamen.“
ORAKEL_ 1.32.2: „Wir sollten die Welt anders sehen. Nur, wer die Welt anders sieht, hat die Chance, das eigene Leben zu bestimmen.“
ORAKEL_ 1.34.9: „Wer den Tod fürchtet und verabscheut, hat keinen Verstand; wer das Sterben nicht fürchtet und verabscheut, hat noch nicht gelebt.“
ORAKEL_ 6.02.1: „Utopie – Dystopie – Haven. Das ist ein Dreiklang. Oder ein Missklang. Ich behaupte, seit Platon war die Utopie das modische Kleid, zu dem hin jedwede Gesellschaftsordnung der sich entwickelnden Welt strebte. Ja. Bleiben wir bei Platon. Sein idealer Staat war eine als naturgegeben dargestellte Klassengesellschaft, die sich in aufgeklärte, intelligente Herrscherey, gehorsam-einsichtige Wärterey und untergeordnete Produzenten (Arbeiterey, Dienstleisterey, Publikum: also Substrat) einteilte. Ja. Von der Aristokratie, der von Platon so benannten Herrschaft der Besten, über Totalitarismus, parlamentarische Demokratie, Ordensstaaten und Kommunismus – alle bewusste Entitäten verwaltenden Systeme der Geschichte ähnelten diesem grundlegend elitären Grundsystem. Mit dem krassen Unterschied, dass Platon die Eliten zur Besitzlosigkeit verpflichten wollte. Aber nein, Führies denken und dachten immer, sie würden mehr leisten, hätten ihren Status einer besonderen Qualität zu verdanken, daher persönlich Anrecht auf mehr und würden dafür dem weniger zur Leitung der Menschenwelt geeigneten, aber doch irgendwie bewussten Substrat unter ihnen Gutes tun. Sie wären Leistungsträger. Aber. Warum hat dieses undankbare Substrat immer wieder versucht, die eigene Situation zu verbessern, die Eliten loszuwerden? Sich von der elitär-naiven Utopie Platons zu lösen, für den die Demokratie (die Herrschaft der für die anstrengende Rolle der Aristokratien-Philosophen ungeeigneten, unerzogenen Massen) ziemlich weit unten auf der Liste der coolen, erstrebenswerten Regierungs- und Gesellschaftsformen stand? Nun. Warum hat sich dann immer wieder ein Elitensystem ausgebildet?“
ORAKEL_ 6.02.2: „Platons Utopie war elitär, aber kräftig. Zukunftsweisend. Weitere Utopien folgten im Laufe der Geschichte, aber taten sie Neues? Nein. Jede Utopie wollte richtig sein, jede (mit Ausnahme vielleicht der des „Schlaraffenlands“, eines satirischen Kommentars auf die Utopie der Faulheit) zeigte das Individuum als Rädchen im guten Ganzen, jede gab vor, eine Lösung für die Optimierung der Existenz der Menschen zu sein, das „beste Leben“ der Populationselemente zu ermöglichen, jede ordnete die einzelnen bewussten Entitäten dem Leviathan namens Menschheit unter. Also der Utopie. Ja. Die größte Utopie von allen dürfte die sozialistisch-kommunistische gewesen sein, aber auch sie war im Kern antiindividualistisch. Das ist mir hier nicht wichtig. Ich will sagen, dass Haven das Individuum, die Hoffnung des Einzelnen, den Willen zu Existenz und Glück nicht regulieren will. Keinen Königsweg vorgibt. Nein. Der Versuch Haven erkennt die Absurdität der Hoffnung und des Bewusstseins an. Jedenfalls noch. Utopien schlagen in Dystopien um.“
ORAKEL_ 6.02.3: „Ist das Versiegen der Utopien im Laufe des 20. Jahrhunderts interessant? Ja. Auf die kommunistische Utopie „Der rote Planet“ (1908) folgen noch einige Werke, darunter die feministische Utopie „Herland“ (1915), die aber die Allgemeingültigkeit aufgegeben hatte – ihre utopische Gesellschaft basiert auf der „Abschaffung“ oder „Umerziehung“ des störenden Elements (Männer). Baute sich eine Art Lobby-Utopie auf, die Utopie der Elite? Stärker noch ist der Zug zur Dystopie, der ab „Wir“ (1921) das 20. Jahrhundert bestimmt. Gewarnt wird vor dem Sozialismus, vielleicht vor der Revolution, vor allem, was das kapitalistische System infrage stellt. Vielleicht. Kapitalismuskritische Dystopien wie „Aufstieg der Meritokratie“ sind selten und noch seltener populär. Und: Wo Utopien noch etwas Neues wagen wollten, sind die Dystopien Warnungen vor dem, was passiert, wenn am bestehenden System gesägt wird. Erst in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts kam es zum Aufflackern einiger Öko-Utopien, angesichts der immer offenbarer werdenden Konflikte zwischen Menschenpopulationen und Umwelt. Hm. Dabei wurde eher die Evolution des bestehenden Systems beworben.“
ORAKEL_ 6.02.4: „Was ist Haven? Das „Wir mit dem Fragezeichen“? Der Versuch, nicht nur mit dem Wort oder als isolierte, geduldete Gruppe innerhalb einer Gesellschaft, sondern als eigene Entität etwas umzusetzen, das nicht auf einem Elitensystem aufbaut? Vielleicht. Stehen die Havener zusammen, weil sie alleine fallen würden, ohne aber, dass manche auf den Schultern anderer stehen? Die Havener Gesellschaft will die Kontrolle des Zusammenseins nicht an übergeordnete Schichten abgeben, obwohl es Regeln gibt. Stimmt das? Ist in Haven die Beteiligung an der Gestaltung der Gesellschaft so intim und direkt wie das Gefühl der eigenen Schuld, der eigenen Vergänglichkeit, so brennend wie der eigene Wunsch, zu leben? Wo utopische Systeme Opfer von den verwalteten Entitäten verlangen, verlangen wir keine Opfer, sondern bringen sie höchstens, und dann ungern. Auch hat sich Haven vom Luxus der Schuldzuweisung verabschiedet. Ja. Wie immer frage ich: Wo täusche ich mich?“